Selbstzweifel
Da hochempfindliche Menschen mehr und intensiver wahrnehmen, sind sie auch leichter zu verunsichern und zu stören. Es hat sich gezeigt, dass weniger empfindliche Menschen mit einer schwierigen Kindheit oft leichter fertig werden als hochempfindliche. Das liegt möglicherweise daran, dass überdurchschnittlich empfindsame Kinder die Konflikte und Probleme ihrer Eltern stärker wahrnehmen und die Eltern daher schonen wollen, für sie mitdenken und Opfer für sie erbringen anstatt die eigenen Bedürfnisse zu verfolgen. Die Psychotherapeutin Alice Miller hat sich in ihrem Buch "Das Drama des begabten Kindes" ausführlich damit beschäftigt und wir werden später darauf zurückkommen.
Außerdem verarbeiten hochempfindliche Kinder Eindrücke gründlicher als nicht hochempfindliche, was im Fall von lange andauerndem Stress dazu führt, dass wesentlich mehr unbewältigt ins Unterbewusstsein verschoben werden muss.
Viele HSP-Kinder haben im späteren Leben grundlegende Zweifel an ihrem Selbstwert und an ihrem Wert für andere. Doch nicht nur in der Familie, sondern besonders in Gruppen Gleichaltriger, bekommen viele Hochempfindliche schon als Kinder den Eindruck, mit ihnen sei etwas nicht in Ordnung. Wenn sie den Lärm im Klassenzimmer oder Pausenhof schwer ertragen, wenn sie die Regeln der Gruppe nicht durchschauen, weil sie immer nach dem tieferen Sinn suchen und dabei nicht erkennen, dass da anachronistisches Rudelverhalten wirkt, wenn sie vielleicht Scherze wörtlich nehmen, wenn sie schneller erschöpft werden, oder wenn sie von Grobheiten völlig verwirrt werden, auch wenn sie nicht die Opfer sind, dann geschieht es oft, dass sie sich fremd oder ungenügend fühlen. Wenn sie dann auch noch "Sei nicht so empfindlich" oder "Sei kein Spielverderber" zu hören bekommen, und wenn sie dann zu den weniger beliebten Kindern zählen, dann wird bereits so mancher 11-Jährige an sich und der Welt zu zweifeln beginnen. Viele Menschen fragen sich, nicht nur in ihrer Jugend, sondern ihr ganzes Leben lang, was mit ihnen nicht in Ordnung sei, weil sie doch Schwierigkeiten mit Ereignissen und Anforderungen haben, die für viele andere eine Kleinigkeit zu sein scheinen. Auch wohlmeinende Ratschläge, wie z.B. "Du bist okay, du brauchst Ablehnung nicht zu fürchten" beruhigen nicht, denn es ist oft nicht die mögliche Ablehnung, die den Stress bewirkt, sondern die Überstimulation. Viele, wenn auch nicht alle HSP zweifeln nicht an ihrem grundlegenden Wert, sondern an ihrer Kompatibilität mit dem Rest der Menschheit. In späteren Kapiteln werden wir uns ausführlich damit beschäftigen, wie wir lernen können, gut zu uns selbst zu sein und unseren wichtigen Platz innerhalb der Gesellschaft wahrzunehmen.