Tiefere Verarbeitung aller Eindrücke (Teil 2)
Ein weiterer Aspekt der Verarbeitung von Eindrücken ist das Herstellen von Querverbindungen. Das ist ein Prozess, der tage- und wochenlang dauern kann, und fast ständig im Hintergrund mitläuft. Vielleicht kennen Sie ja das Erlebnis, wenn Ihnen einige Tage nach einem kommunikationsintensiven Besuch bei Freunden plötzlich - z.B. während eines Frühstücks oder anderer unpassender Gelegenheit - eine kleine Nebenbemerkung Ihrer Freunde wieder einfällt, die Ihnen klar macht, dass sie damals offensichtlich gründlich aneinander vorbei geredet hatten? Über die wechselweise Verifizierung von Daten hinaus sind diese Verbindungen in hohe Maße für die Kreativität und Problemlösungskapazität des Individuums verantwortlich. Bestimmend für das Maß an Kreativität sind dabei die Menge und die Unkonventionalität dieser Verknüpfungen, und natürlich auch psychologische Faktoren, die unter anderem bestimmen, ob der einzelne Mensch Vertrauen in sich bzw. seine Kreativität hat, oder es gar nicht versucht.
Viele HSP haben das tiefe Bedürfnis zu verstehen. Je nach Veranlagung geht es eher um ein abstraktes Verständnis, ein emotionales, oder ein praxisbezogenes. Für manche von uns ist es besonders wichtig zu verstehen, welchen tieferen Sinn dieses oder jenes Ereignis in unserem Leben haben könnte. Dieser Verarbeitungsschritt kann besonders zeitaufwendig sein. Das solcherart erreichte Verständnis ist beileibe nicht immer richtig, kann aber trotzdem notwendig sein, um ein Ereignis ablegen zu können.
Eine besondere Stellung nimmt die Verarbeitung von Emotionen aller Art ein. Dies hängt teilweise mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und Harmoniebedürfnis vieler HSP zusammen, teilweise damit, dass Emotionen auch bei anderen oft wahrgenommen werden, wenn sie überhaupt nicht ausgedrückt werden, vor allem aber damit, dass sich dieser Bereich am schwersten verstehen lässt. Das von emotionalen Handlungen frustrierte Bedürfnis nach Sinn und Verständnis ist sicherlich auch eine stark ursächliche Wurzel dafür, dass sehr viele hochsensible Menschen einen starken Hang zu historischen, psychologischen oder biologistischen Erklärungssystemen für das Verhalten der Menschen haben.
Über die erwähnten Prozesse hinaus dürfte es eine ganze Reihe von uns bis jetzt noch weniger verständlichen Verarbeitungsschritten geben. Alle zusammen genommen bewirken jedenfalls ein mehr oder weniger starkes Nachhallen von allen Eindrücken. Auffällig wird dies beispielsweise, nachdem wir uns einen Spielfilm angesehen haben - d.h. wenn wir uns mit komplexen emotionalen Zusammenhängen konfrontieren, wobei uns jedoch keine der handelnden Personen außerhalb des Kontext 'Film' bekannt ist. Je nach emotionaler Intensität des Films lässt sich das Nachhallen bei manchen hochempfindlichen Menschen noch 3 oder 4 Tage danach beobachten (z.B. in den stillen Morgenstunden oder bei der Meditation), auch wie es immer schwächer und blasser wird. In jedem Fall dürfte man bei diesem Nachhallen als von einem gemeinsamen Charakteristikum der hochsensiblen Menschen sprechen können.