Neigung zu Über-Stimulation
Die wahrscheinlich allgemeingültigste Gemeinsamkeit hochempfindlicher Menschen ist ihre Tendenz zur Überstimulation, mit allen körperlichen und psychologischen Symptomen. Vereinfacht könnten wir sagen, dass es sich dabei um das Auftreten von Erregungszuständen handelt, besonders in für uns neuen und ungewohnten Situationen. Die Symptome können Beschleunigung von Herzschlag und Atemrhythmus sein, "aufgerissene" Augen und erweiterte Pupillen, Verspannungen von Schultern und Halswirbelsäule sowie des Kehlkopfes (was zu einer höheren Stimmlage führt), rasche Augenbewegungen, rote Flecken im Gesicht - und all dies oft "ohne erkennbare Ursache". So manchem "verschlägt es die Sprache", oder es entsteht der Wunsch nach Distanz oder Rückzug. Oft kommt noch das Gefühl hinzu, nicht in Ordnung zu sein, denn die Mehrheit der Menschen scheint die Situation gut auszuhalten. Das führt immer wieder dazu, dass hochempfindliche Menschen medikamentös oder psychotherapeutisch auf "Angstzustände" oder "Panikattacken" behandelt werden. Angst und Panik führen zwar auch zu solchen Symptomen, doch gehen damit auch intensive Emotionen einher, die den HSP dabei abgehen. Das soll nicht heißen, dass damit keine Gefühle einher gingen, sondern dass es sich nicht um Angst und Panik direkt handelt.
Überstimulation ist oft verbunden mit Gefühlen des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit. Auch Gereiztheit, Wut, Verwirrung und vor allem das üble Gefühl des Nicht-Akzeptierens der Situation lassen sich beobachten. Es handelt sich dabei durchwegs um Emotionen, die den allermeisten Menschen höchst unangenehm sind, und denen wir zu entfliehen trachten, und das macht uns oft panisch. Verständlicherweise haben viele Menschen Angst vor diesen Zuständen. Paradoxerweise ist die Angst davor, bzw. die Angst, im kopflosen Drang, die Situation zu meiden, ihr zu entfliehen, uns selbst oder andere zu verletzen, konterproduktiv. Die Angst, es noch schlimmer zu machen, ist zusätzliche Stimulation, die es noch schlimmer macht.
Es handelt sich bei diesen Erregungszuständen schlichtweg um die körperlichen, emotionalen und gedanklichen Manifestationen von Überstimulation - und das Unbehagen ist eine Reaktion auf die Überstimulation. Zuerst kam die Überstimulation, die in ihren körperlichen Symptomen denen der Angst sehr gleichen kann. Und als zur Überstimulation sekundäre Reaktion kann es zu Angst und Panik kommen, oder auch nicht. Diese Zustände mittels Medikamenten oder anderen Therapien zu behandeln geht am Problem vorbei, und bestärkt das Muster, dass mit uns etwas nicht in Ordnung sei.
Überstimulation entsteht durch zu viele Reize auf einmal, oder zu intensive Reize, oder an sich harmlose Reize über einen zu langen Zeitraum hinweg, oder eine Kombination davon. Im Kapitel 5, "Selbstmanagement", werden wir besprechen, wie wir solche Zustände am besten vermeiden, bzw. wie wir damit umgehen, wenn sie doch auftreten. Doch auch bei gutem Selbstmanagement werden hochempfindliche Menschen hin und wieder solche Erregungszustände an sich wahrnehmen.
Zusätzlich zu den eben genannten Gemeinsamkeiten in Wahrnehmung und Verarbeitung gibt es parallele Tendenzen in vielen Aspekten von Verhalten und Eigenschaften hochempfindlicher Menschen. Die wichtigsten davon wollen wir hier näher unter die Lupe nehmen.