Tiefe Reflexion, Nachdenken und Nachempfinden
Hochempfindliche Menschen haben eine Neigung zu tiefer Reflexion. Nachdenken, sinnieren, Zusammenhängen nachspüren und philosophische Betrachtungen anstellen sind für viele HSP ein lustvoller Zeitvertreib. Das heißt aber auch, dass sie sich Entscheidungen in der Regel nicht leicht machen, sondern sowohl die Konsequenzen als auch allgemeine größere Zusammenhänge ihrer Handlungen in ihre Überlegungen gründlich mit einbeziehen. Speziell Entscheidungen, die sie nicht nur selbst betreffen, sondern auch Auswirkungen auf andere Menschen haben, werden langsam und von allen Seiten her betrachtet. Diese Neigung, sämtliche Implikationen einer Entscheidung sorgfältig abzuwägen, lässt uns oft entscheidungsschwach oder zögerlich erscheinen. Richtiger wäre jedoch vielmehr der Begriff "entscheidungslangsam". HSP fragen in der gründlichen Beleuchtung einer Entscheidungsfrage oft viele verschiedene Menschen um ihre Meinung, lassen sich darauf ein und übernehmen vielleicht den geäußerten Standpunkt sozusagen probeweise jeweils für einige Stunden. Viele nicht hochempfindliche Menschen beurteilen ein solches Verhalten als Unfähigkeit oder Schwäche. Doch selten wird eine HSP spontan und ohne gründliches Überlegen eine heikle Entscheidung treffen, es sei denn, er/sie kann ihrer Intuition bereits genug vertrauen, um sich von ihr so sicher leiten zu lassen.
Hochempfindliche Menschen, die sich selbst noch nicht sehr gut managen, können in diesem Bereich "tiefe Reflexion und das Treffen von Entscheidungen" ihr Leben enorm erschweren, indem sie es verabsäumen, Entscheidungsprioritäten zu setzen. Es gibt sie, die Entscheidungsperfektionisten, die Stunden zubringen mit der Frage, ob das neue Mousepad dunkel- oder hellblau werden soll. Und sie sind fast ausnahmslos hochempfindlich.
Berufliche Positionen, die blitzschnelle Entscheidungen erfordern, sind somit (außer für hochempfindliche Menschen mit nahezu unfehlbarer Intuition) meist wenig erfüllend, solche jedoch, welche die langfristige Tragbarkeit getroffener Entscheidungen verlangen, profitieren beträchtlich von den wohlüberlegten und durchdachten Entscheidungen einer hochempfindlichen Person. Mehr dazu folgt in Kapitel 7: "Arbeit".