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Zart besaitet - Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen

von Georg Parlow

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Gewissenhaftigkeit, Ethik und Gerechtigkeitssinn

Satte 80 Prozent der hochsensiblen Menschen bezeichnen sich selbst als gewissenhaft. Generell neigen hochempfindliche Menschen dazu, Aufgaben sehr verantwortungsbewusst anzugehen, Fehler tunlichst zu vermeiden, und das Ergebnis immer wieder zu überprüfen, was oft ein unschätzbarer Vorteil ist. Ganz allgemein könnte man sagen, dass hochempfindliche Menschen gerne gute Arbeit leisten, egal was sie tun. Wie bei allen anderen Punkten so gibt es auch hier Ausnahmen. So unterliegen auch hochempfindliche Menschen sozialen Prägungen, welche diese Eigenschaft oft nicht oder nur wenig zum Vorschein kommen lassen.

Gewissenhaftigkeit äußert sich auch darin, dass die meisten hochempfindliche Menschen sehr hohe ethische Standards vertreten, und bemüht sind, auch nach diesen zu leben. Zwar sind hochempfindliche Menschen ebenso wenig Heilige wie nicht hochempfindliche Menschen, jedoch dürfte unsere deutlichere Wahrnehmung der Befindlichkeit anderer hier eine große Rolle spielen. Wenn wir nachfühlen können, welche Gefühle und Reaktionen unser Verhalten in unseren Mitmenschen auslöst, und mehr noch, wenn wir dies auch unfreiwillig stark "mitempfinden", so erschwert das egoistisches und rücksichtsloses Verhalten beträchtlich. Aber unabhängig von der hier geäußerten Theorie über den Ursprung ist es nicht zu leugnen, dass Ethik bzw. ein Leben nach ethischen Grundsätzen früher oder später in der einen oder anderen Form ein Thema für wohl so ziemlich jeden hochempfindlichen Menschen darstellt. Viele von uns sind oft von Schuldgefühlen geplagt wegen unseres hohen Anspruchs, dem Wahrnehmen verschiedenster Bedürfnisse und Nöte der Wesen in unserer Umgebung und der eigenen Unzulänglichkeiten. Selbst Hochempfindliche, die erklärtermaßen keinen religiösen oder spirituellen Glauben haben, sind hier nicht ausgenommen. Bei ihnen geht es dann vielleicht um so abstrakte Werte wie "Wahrheit", oder um soziale und humanitäre Ziele. Doch das Finden bzw. Definieren von ethischen Lebensregeln sowie das Ausrichten der eigenen Handlungen nach diesen Regeln bleibt gleich. Hier möchten wir jedoch noch einmal festhalten, dass auf kaum jemanden alle genannten Eigenschaften zutreffen, und dass Hochsensibilität alleine noch kein Garant für einen ethisch hochwertigen Lebenswandel ist.

Als weitere Gemeinsamkeit hochsensibler Menschen beobachten wir oft einen hohen Gerechtigkeitssinn, der besonders nuancenreich ausgeprägt und oft schon bei kleinen Kindern beobachtbar ist. Schon in frühen Jahren haben diese Kinder eine sehr klare Vorstellung von Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit und der angemessenen Reaktion auf ihre Handlungen. Der (achtlose) Missbrauch einer Position von Autorität oder die Grausamkeiten kindlicher Gruppenprozesse können sie tief verletzen und in grundlegende Zweifel über das Leben stürzen. Solche Kinder verblüffen manchmal ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten, indem sie Vorschläge unterbreiten, mit welchen Bestrafungs- und Belohnungssystemen sie in ihrer Leistung, in ihrem Bravsein oder Ähnlichem am besten unterstützt wären. Leider gehen die Eltern in den seltensten Fällen darauf ein, weil sie das Kind als Partner im Erziehungsprozess nicht ernst genug nehmen.

Der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn zeichnet auch dafür verantwortlich, dass sich besonders viele HSP für globale Gerechtigkeit einsetzten. Was sich für andere als Idealismus in Sinne von Verschrobenheit und Entbehrlichkeit darstellen mag, ist für viele von uns ein tiefes persönliches Anliegen. Unser Bedürfnis nach Gerechtigkeit wird jedes Mal verletzt, wenn wir eine Zeitung mit internationalen Nachrichten zur Hand nehmen. Unser Engagement erscheint uns als der von uns leistbare Tropfen auf dem heißen Stein, den wir brauchen, um uns besser zu fühlen.

© FESTLAND Verlag

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