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Zart besaitet - Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen

von Georg Parlow

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Großes Harmoniebedürfnis

Streit und streitähnliche Konflikte stellen für viele hochempfindliche Menschen die Schreckensvision einer überstimulierenden Reizüberflutung dar. Um solche Konflikte zu vermeiden, vertreten sie unter Umständen den eigenen Standpunkt wider besseren Wissens nicht, schlucken ihren Protest hinunter und lassen "fünf gerade sein". Sie kommunizieren oft ihren Ärger oder ihre Verletzung nicht, sondern ärgern oder grämen sich dann hinterher, wenn sie alleine sind. "Der Klügere gibt nach" ist eine schmeichelhafte Bemäntelung der praktischen Tatsache, dass oft der Sensiblere nachgibt - denn lieber zurückstecken, als sich einer unerträglichen Disharmonie und Auseinandersetzung stellen zu müssen.

Diese in manchen Familien vielleicht noch als "edel" gewürdigte Haltung führt jedoch dazu, dass sich - je nachdem an welchen Spruch man sich hält - der Dümmere oder der weniger Sensible durchsetzt und bestimmt, was geschieht. Damit werden Hochsensible, die als nichtsolidarische Minderheit mit verschrobenen Bedürfnissen sowieso einen schweren Stand im sozialen Leben haben, noch weiter an den Rand gedrängt. So sagen fast dreiviertel (72,6%) aller Hochempfindlichen, dass ihnen Harmonie sehr wichtig ist, und sie sich im Konfliktfall lieber zurückzögen. Ohne positiv bewältigte Konflikte nähert sich jedoch die soziale Gestaltungsmöglichkeit dem Nullpunkt.

Eng damit in Zusammenhang steht, dass 92% der HSP anerkennen, dass sie von der Stimmung anderer Menschen beeinflusst werden. 83% (das sind über 90% der besagten 92%) der HSP finden diesen Einfluss erheblich. Daraus lässt sich unschwer ableiten, dass für sehr viele HSP das Auftreten eines Konfliktes bereits einen Verlust darstellt - denn entweder sie ziehen den Kürzeren und bekommen ihre Wünsche oder Bedürfnisse nicht erfüllt, oder sie setzen sich durch, dann werden sie durch den Frust des anderen beeinträchtigt. Das Streben nach einer Lösung, bei der alle Beteiligten gewinnen, liegt somit im ureigensten Interesse der HSP.

Es gibt jedoch auch ca. 12% von HSP, die sich im Konfliktfall lieber nicht zurückziehen. Viele davon haben wohl für sich verstanden, dass wahre Harmonie ohne Konflikte nicht erreichbar ist. Manche von ihnen entwickeln sich (vorübergehend) zu echten Streithähnen, deren Harmoniebedürfnis sich paradoxerweise darin zeigt, dass sie jede Unstimmigkeit zum Konfliktfall machen. Auch wenn es für Außenstehende so aussehen mag, als hätten sie Spaß am Konflikt, so ist dies doch selten so, sondern oft ist es die Sehnsucht nach der Harmonie, die sie sich von der Bewältigung des Konflikts versprechen. Unglückseligerweise sind diese konfliktfreudigen Hochempfindlichen zwar sehr konfliktbereit, aber nicht unbedingt konfliktfähig. Mitten in der von ihnen herbeigeführten Auseinandersetzung kann es dann leicht dazu kommen, dass sie der Überstimulation erliegen. Das heißt, sie verlieren die Nerven, werden plötzlich sehr emotional, oft auf Kosten der eigenen Argumentation, nehmen Bemerkungen persönlich, die vielleicht durchaus nicht so gemeint waren, oder laufen mitten im Gespräch einfach davon, weil sie dem Stress nicht mehr standhalten können.

© FESTLAND Verlag

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