Druck, Hitze und Kälte
Die Haut mit dem Tastsinn und ihrer Empfindsamkeit für Temperaturen ist für viele hochsensible Menschen ein Organ, das ihnen ständig eine Fülle an Informationen liefert. Ein ausgeprägter Tastsinn lässt sie viele Nuancen wahrnehmen, die sich sprachlich oft nicht differenzieren lassen und nicht hochempfindlichen Menschen nicht zugänglich sind. Als Beispiel sei die Pulsdiagnose in der Traditionellen Chinesischen Medizin genannt. Dabei können aus der Kombination der verschiedenen möglichen Qualitäten ("knotig, gespannt, fadenförmig, schlüpfrig, breit, u.v.a."), sowie der Stärke, Tiefe, Fülle und Regelmäßigkeit sehr akkurate Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des Patienten gezogen werden. (Woraus sich ableiten lässt, dass es in der TCM nicht möglich ist, den Beruf des Arztes aus reinen Geld- oder Prestigeüberlegungen heraus zu ergreifen, wie es in der westlichen Medizin durchaus üblich geworden ist. Im traditionellen System braucht es zum Heiler außer der Entscheidung auch die Veranlagung. Mehr dazu im Kapitel 7 "Arbeit".)
Die differenziertere Temperaturwahrnehmung so mancher hochempfindlicher Menschen bewirkt, dass sie eine schmälere Behaglichkeitszone in punkto Temperatur haben. Mit anderen Worten, es ist ihnen schneller zu kalt oder zu heiß oder zu zugig. Somit können uns aufmerksame Menschen viel öfter dabei beobachten, wie wir unser Mikroklima regulieren - sei es durch das Öffnen und Schließen von Fenstern, durch das An- und Ablegen von Kleidung, oder durch Standortwechsel wegen Sonne oder Wind.
Ein eigenes Kapitel ist die unwillkürliche Wahrnehmung von Druck, Reibung und ähnlichen Reizen am ganzen Körper. Die Prinzessin auf der Erbse war zweifellos eine hochsensible Person - doch die märchenhaften Zeiten, in denen solche Empfindsamkeit geschätzt wurde, sind vorbei. Der kratzige Pullover den alle anderen "ohnehin ganz weich" finden, der etwas zu enge Hosengummi, mikroskopische Krümel im Bett, Falten in der Socke, Kleidung aus Kunstfaser, der schlechte Schnitt mancher (billiger) Schuhe, und eine Unzahl weiterer Details werden von gar so manchem hochempfindlichen Menschen mehr oder weniger bewusst registriert. Oft werden sie nicht nur registriert, sondern beeinträchtigen das Wohlbefinden gerade so wie bei der Prinzessin auf der Erbse. Die Eltern hochempfindlicher Kinder können meist ein Lied davon singen, wie superempfindlich ihr Prinz oder Prinzesschen ist. Doch auch selbstständige HSP, welche die korrigierenden Handlungen selbst durchführen, setzen sich dadurch immer wieder der Kritik und manchmal dem Spott anderer aus. Werden diese kleinen Unannehmlichkeiten jedoch erduldet, erhöhen sie das allgemeine Niveau an Stimulation fast wie ein kleiner Stachel im Fleisch, und senken dadurch insgesamt die Stresstoleranz. Artikel wie Massage-Handschuhe bzw. -Riemen aus Jute oder sogenannte Massage-Schuhe (Badepantoffel aus Kunststoff mit Noppen auf der Sohlenoberseite zur Stimulation der Reflexpunkte) und ähnliche Wellness-Produkte sind in der Wahrnehmung vieler HSP spätestens nach wenigen Minuten der Anwendung wahre Folterinstrumente.
In diesem Zusammenhang wollen wir ebenfalls die Wahrnehmung der eigenen körperlichen Befindlichkeit erwähnen. Subtilen Dauerschmerz oder das Gefühl von Druck oder Hitze, beispielsweise von Entzündungen, sind bereits Extreme - die Wahrnehmung von solchen Unstimmigkeiten beginnt bei hochempfindlichen Menschen oft schon viel früher. Und das möglicherweise in einem Maß, das gleich die Gesamtbefindlichkeit massiv beeinträchtigt. Auch Reaktionen auf verschiedene Speisen (z. B. "Immer nachdem ich Huhn oder Pute gegessen habe, erlebe ich ein schwaches Brennen der Haut, vor allem an Armen und Beinen") oder andere Umwelteinflüsse (z.B. "Heute gibt es sicher wieder Ozonwarnung, mich brennt es bereits in den Augen und es kratzt im Hals") werden gespürt, wenn sie bei der nicht hochempfindlichen Mehrheit noch weit unter der Wahrnehmensschwelle liegen. Was naturgemäß immer wieder zu dem leidigen Kommentar führt: "Das bildest du dir nur ein!"