Kindliche Naivität
Eine weitere interessante Eigenheit hochsensibler Menschen scheint eine gewisse Naivität zu sein, wie 62 Prozent von ihnen von sich selbst bestätigen. Man könnte sie wohl auch gutgläubig nen-nen. Sie nehmen Scherze von Freunden immer wieder für bare Münze oder sind enttäuscht, wenn sich Versprechen in der Werbung oder der Politik als unwahr herausstellen. Sie glauben nicht nur in abstrakter Weise an das Gute im Menschen, sondern sie nehmen ohne viel Nachdenken an, dass dieses Gute die Handlungen der Menschen in weit höherem Maße beeinflusst als es tatsächlich der Fall ist. Dies ist umso bemerkenswerter, als die überwiegende Mehrheit der HSP eine sehr hohe emotionale Intelligenz (EQ) aufweist und auch der klassische Intelligenzquotient (IQ) über dem Durchschnitt liegt. Die Menschenkenntnis ist meist hoch, im reflektierenden Gespräch können sie wohl oft die Realitäten gut einschätzen – aber nichtsdestotrotz nehmen sie immer wieder Dinge für bare Münze, welche von vielen nicht hochempfindsamen Menschen leichter durchschaut werden.
Gefühle der Verbundenheit
Eine weitere gemeinsame Eigentümlichkeit ist das einseitige Gefühl von Verbundenheit. Mehr als drei Viertel der HSP beobachten an sich, dass sie sich anderen Menschen tendenziell stärker verbunden fühlen als das umgekehrt der Fall zu sein scheint. Nur fünf Prozent sind sich sicher, dass das bei ihnen nicht so sei. Diese Tendenz ist insofern sehr bemerkenswert, weil sich daraus in Verbindung mit der urmenschlichen Neigung, von sich auf andere zu schließen, wohl gar manche schmerzliche Erfahrung ergibt. Extremfälle davon sind die tragischen Schicksale unerwiderter Liebe, von denen die Literatur ja geradezu strotzt. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren wohl nahezu 100 Prozent der Poeten, Schriftsteller, Komponisten, Maler und sonstiger Künstler hochempfindliche Menschen und auch heute sind sie es noch zur überwiegenden Mehrheit. Doch auch bei HSP ohne künstlerische Neigungen finden sich die eine oder andere schmerzliche Erinnerung an Enttäuschungen (Ent-Täuschungen) durch Illoyalitäten von Freunden, Bekannten oder Kollegen. Die HSP hat sich in solchen Fällen meist ausreichend verbunden gefühlt, sodass sie ihrerseits sehr wohl loyal gewesen wäre und hat unreflektiert eine vergleichbare Erwartung an die nicht hochempfindliche Person. Dass sich der hochempfindliche Mensch ein solches Ereignis meist mehr zu Herzen nimmt, akzentuiert vielleicht den Eindruck, in Beziehungen selbst stärker verbunden zu sein als die jeweils anderen.
Höchst bemerkenswert – wenn auch ganz besonders wenig erforscht und hinterfragt – erscheint uns das Gruppenverhalten hochempfindlicher Menschen. Weniger als ein Drittel der HSP sind der Ansicht, dass Hierarchien etwas Natürliches im Leben darstellen. Demgemäß tun sich nur 24 Prozent leicht damit sich unterzuordnen. Weitere 17 Prozent können sich damit abfinden. Weniger als 18 Prozent der HSP bemühen sich darum, in einer Gruppe das Sagen zu haben, weitere 10 Prozent wünschen es sich, doch mit 48 Prozent sind es fast die Hälfte der Hochempfindlichen, die in Gruppen dezidiert nicht dominieren wollen.