HSP – Eine Klasse für sich
Sie, werter hochempfindlicher Leser und werte hochempfindliche Leserin, sind also tatsächlich in einer grundlegenden Weise anders als annähernd fünf Sechstel der Menschheit. Wir HSP sind genetisch unterschiedlich, dadurch nehmen wir anders wahr und verarbeiten anders. In einem Teil des Buches werden wir uns mit der Frage auseinandersetzen, ob es sinnvoll sein könnte, auch anders zu leben als die Mehrheit. Aber zunächst werfen wir einmal einen ersten Blick darauf, was denn unsere Eigenart für einen Sinn haben könnte.
Das Sechstel an hochempfindlichen Individuen findet sich außer bei uns Menschen vermutlich bei allen höheren Säugetieren, jedenfalls bei Hunden, Katzen, Pferden und Nagetieren. Daraus zieht Dr. Aron den Schluss, dass Hochsensibilität eine Eigenschaft ist, die – zumindest in einem Teil der Population – einer Art nützlich ist. Sie argumentiert, dass es einer Gruppe nützlich sei, wenn ein gewisser Prozentsatz langsamer und vorsichtiger ist, Gefahren eher bemerkt, leichter Wasserstellen aufspürt usw. So einleuchtend das auf den ersten Blick wirkt, so müssen wir doch sagen, dass die Wahrheit komplizierter sein muss. Für Herdentiere mag dieses Erklärungsmodell ganz gut funktionieren, aber bei Katzen beispielsweise muss die Sache anders liegen, weil sie Einzelgänger sind oder in polygamen Familienverbänden leben. Trotzdem ist dort der gleiche Prozentsatz an Hochempfindlichen zu bemerken. Ohne Zweifel nützt es der Gattung, wenn ca. ein Sechstel der Individuen hochempfindlich ist, sonst fänden wir dies nicht so durchgehend bei verschiedensten Tierarten. Auch dass der Nutzen in vielen verschiedenen Situationen gegeben sein muss, lässt sich daraus schließen. Jedoch in welcher Weise der Nutzwert geschaffen wird und wieso sich bei verschiedensten Spezies der Prozentsatz immer zwischen einem Fünftel und einem Sechstel einpendelt, wissen wir leider noch nicht.
Wir stimmen jedoch mit Dr. Aron überein, dass Menschen als Spezies noch stärker von der HSP-Minderheit profitieren als jedes andere Säugetier. Menschen haben die Fähigkeit zu reflektieren, sie können sich Möglichkeiten vorstellen, und sie haben ein Bewusstsein von Vergangenheit und Zukunft. All dies ist eng mit dem Menschsein verknüpft – und es findet sich besonders stark bei hochsensiblen Menschen. Und wenn es stimmt, dass Not die Mutter der Erfindung ist, dann sind bestimmt sehr viele Erfinder in den Reihen der HSP zu finden, denn wir leiden nun mal leichter unter Bedingungen, die für andere noch akzeptabel sein mögen. Somit haben wir den größeren Bedarf an Lösungen. Das ausgeprägte Harmoniebedürfnis der HSP wurde ebenfalls schon erwähnt – dadurch werden wir in Gruppen meist die Stimme der Versöhnung und Vernunft sein.
Elaine Aron teilt die Menschheit in zwei Gruppen – die aktiven, draufgängerischen Krieger und Führer (die Krieger-Könige, wie Aron sie nennt) und die königlichen Ratgeber. Letztere sind die Bedächtigen, Friedliebenden, Rücksichtsvollen, Vorausschauenden – die HSP. Dass die amerikanische Psychologin alle Menschen, die nicht HSP sind, zu Königen ernennt, ist ein galanter Zug von ihr. Wir halten es für unwahrscheinlich, dass der Wille zur sozialen Dominanz tatsächlich in allen nicht hochempfindlichen Menschen in nennenswerter Weise vorhanden ist. Wir meinen, dass gar nicht so wenige Menschen die Verantwortung, die mit der Entscheidung über andere verbunden ist, nicht auf sich nehmen möchten. Genauso ist die öffentliche Exponierung, der Führer zwangsläufig ausgesetzt sind, nicht jedes Menschen Sache. Aber wie dem auch sei, die Rolle des königlichen Ratgebers für Hochempfindliche ist nicht so schlecht benannt.
zu Teil 2