Home|Produkte|Garantie|Extras|Offenheit|Buchhandel|Impressum|Bestellungen

Zart besaitet - Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen

von Georg Parlow

Zum InhaltsverzeichnisZum Bestellformular

Licht und Schatten der Hochempfindlichkeit

Hochempfindlichkeit scheint also eine für das menschliche Leben äußerst wichtige Funktion zu sein, die manchmal für die Betroffenen nicht sehr angenehm ist, jedoch andererseits Gefühle, Stimmungen und Wahrnehmungen verschafft, die sehr schön und erfüllend sein können. In dieser Widersprüchlichkeit lässt sich die Anlage zur HSP mit der Elternschaft vergleichen. Kinder zur Welt zu bringen, sie aufzuziehen und zu verantwortungsbewussten Erwachsenen zu erziehen ist eine für das Bestehen der Menschheit absolut vitale Funktion. Immer wieder vermittelt es einem Gefühle tiefer Erfüllung, Sinnhaftigkeit, Freude und Dankbarkeit, wie jede Mutter und jeder Vater sicherlich bestätigen kann. Doch wie ebenfalls jeder weiß, die oder der die Elternschaft gekostet hat, ist es nicht immer angenehm, sondern auch mühsam, voller Entbehrungen, gelegentlich auch schmerzhaft und gesellschaftlich wenig anerkannt.

Ein Teil der Mühsal der Elternschaft dürfte inhärent sein. Doch ein Teil davon erwächst den Müttern und Vätern aus ihrer sozialen Situation, die vom kulturellen Kontext stark bestimmt wird. Unsere fragmentierte Gesellschaft mit dem Abnehmen von Kontakt und Solidarität in der Nachbarschaft, dem Zunehmen von Leistungsdruck, täglicher Mobilität und einer Werbung, die das kindliche Gemüt immer mehr zum Konsumieren manipuliert, ist nicht dazu angetan, aufrichtig bemühten Eltern das Leben zu erleichtern. Ein weiterer Teil der unangenehmen Aspekte der Elternschaft erwächst uns aus der Schwierigkeit, mit uns selbst und unseren Bedürfnis-sen, Wünschen und Begierden so umzugehen, dass sie weder mit unseren Verantwortungsgefühlen kollidieren, noch in Opfergefühle oder bittere Selbstaufgabe münden. Und ein Teil ist wohl auch mangelndes Wissen, mangelnde Ausbildung und Vorbereitung für die mannigfaltigen Aufgaben, die eine Elternschaft so mit sich bringt.

Mit der Anlage zur HSP verhält es sich ganz ähnlich. Sie ist wichtig für die Menschheit, kann sehr unangenehm erlebt werden, uns aber auch große Tiefe und Erfüllung geben. Ein Teil der Mühsal ist vielleicht auch hier inhärent. Doch ein Teil davon erwächst uns sicherlich aus dem Konflikt mit einem kulturell ungünstigen Umfeld und weitere Teile aus inneren Konflikten bzw. aus Unwis-senheit.

Sehr empfindlich zu sein in einem Umfeld, das eine solche Empfindsamkeit nicht schätzt, ja, sie oft nicht wahrnimmt bzw. für nicht wahr hält, wenn darauf aufmerksam gemacht, das kann sicherlich eine Quelle steten Leides sein. Als Minderheit in einem Umfeld zu leben, das nicht auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nimmt, ist immer eine Belastung. Doch anders als bei Linkshändern, Roll-stuhlfahrern oder sprachlichen Minoritäten macht uns dies nicht in erster Linie das Handeln im praktischen Leben schwer. Die stärkste Belastung erwächst den meisten HSP daraus, dass sie bei ungenügendem Selbstmanagement häufig bis an oder über die Grenzen ihrer Belastbarkeit mit Reizen der verschiedensten Art überflutet werden. Carl Gustav Jung meinte, dass die sensiblen Introvertierten in einem Umfeld leben sollten, in dem sie die auf sie einströmenden Eindrücke drosseln oder intensivieren könnten, so wie es ihren wechselnden Bedürfnissen entspräche. Doch nur wenige HSP sind heutzutage in der glücklichen Situation, so viel Kontrolle über die auf sie einströmenden Stimuli ausüben zu können. Überstimulation ist ein Indikator von Machtlosigkeit, und das Bewusstwerden eben dieser Ohnmacht bringt das Erleben intensiver Stimulation oft erst zum Eskalieren.

Hochempfindliche Menschen haben – ebenso wie alle anderen – sehr reale Bedürfnisse nach sozialer Zugehörigkeit und gemeinsamen Aktivitäten. Andere Bedürfnisse ergeben sich aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten oder den Verpflichtungen der Elternschaft oder anderen Verantwortlichkeiten. Wieder andere Wünsche entstehen, weil auch HSP beileibe nicht immun sind gegen die bedürfnisweckenden Einflüsterungen der gegenwärtigen Konsumkultur. Viele dieser Bedürfnisse, Wünsche oder Begierden können uns mit denen des hochempfindlichen Körpers in Konflikt bringen.

zu Teil 2

© FESTLAND Verlag

vorige Seite zurück zum Inhaltsverzeichnis