Alice Miller: "Das begabte Kind", Teil 2:
Alice Miller bringt in einer späteren Veröffentlichung die Meinung zum Ausdruck, dass alle Menschen, wenn sie als Kinder respektvoll behandelt wurden, wenn sie Schutz und Ehrlichkeit erfahren durften, im späteren Leben sensibel, einfühlsam und hoch emp-findungsfähig seien, und dass sie kein Bedürfnis verspüren würden, andere Menschen zu schädigen. Dass sie darüber hinaus Schwächere schützen wollten und mit realen Bedrohungen kreativer umgingen.
Wir sind zwar auch der Meinung, dass Menschen durch die Sicherheit, die sie in der Kindheit erfahren, ihrerseits anderen Sicherheit geben können, dass sie eine Kindheit voll Vertrauen zu Menschen macht, denen man vertrauen kann. Wir sehen dies jedoch unabhängig davon, ob sie hochempfindlich sind oder nicht. Wir kennen persönlich genügend Menschen mit glücklicher Kindheit, die keine HSP sind. Sie spüren kein Bedürfnis, andere Menschen zu schädigen und wollen Schwächere schützen. Sie sind zweifellos sehr angenehme und wertvolle Mitmenschen, aber nicht hochempfindlich.
Nach unseren Recherchen besteht kein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Qualität der Kindheit und dem Auftreten der Hochempfindlichkeit. Genauso wenig, wie wir durch eine schwere Kindheit zu »Sensibelchen« wurden, genauso wenig werden wir durch eine glückliche Kindheit zu solchen. Hochempfindlichkeit ist eine Anlage, die bereits bei der Geburt sichtbar ist. Was sich durch die Qualität der Kindheit tatsächlich ändert, und zwar ganz wesentlich, ist das Ausmaß, in dem wir uns selbst lieben und wertschätzen können und unsere Eigenheiten bejahen, sei es nun Hochempfindlichkeit oder irgendeine andere Anlage.
Anmerken möchten wir an dieser Stelle noch, dass wir keinesfalls »hochempfindlich« mit »gut« gleichsetzen wollen, noch umgekehrt der Meinung sind, dass Nicht-HSP weniger angenehme oder weniger wertvolle Zeitgenossen wären. Im Gegenteil, wir haben die oft größere Geradlinigkeit und Verlässlichkeit von nicht Hochempfindlichen, ihren praktischen Verstand und ihren Witz sehr zu schätzen und zu lieben gelernt. Normale oder sogar unterdurchschnittliche Empfindlichkeit ist ebenso wenig ein Defekt wie Hochempfindlichkeit.
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