»Stop and Go«
– Zwei grundlegende Reaktionsmuster
Neuere psychologische Forschung spricht von zwei einander entgegengesetzten Systemen im Gehirn, deren Kombination den Grad der Intro- oder Extrovertierung bestimmt. Das eine System, »Verhaltensaktivierung« oder »Annäherung« genannt, ist dafür zuständig, uns Dingen (besonders neuen) zu nähern. Es dient vermutlich dazu, uns nach den Dingen streben zu lassen, die wir zum Überleben brauchen, wie Nahrung und soziale Integration. Unter dem Einfluss des Verhaltensaktivierungs-Systems sind wir dementsprechend wagemutig, neugierig und nach außen gehend.
Sein Gegenstück, das System »Verhaltenshemmung« oder »Rückzug« ist im Grunde ein Warnsystem. Es ist ein Reflexionssystem, das uns langsamer macht, auf Gefahren achten und vorsichtig sein lässt. Schon aus den Bezeichnungen können wir erkennen, welches dieser beiden Systeme in unserer Kultur als das »bessere« angesehen wird. Im Zuge der Begegnungen zwischen Völkern und Kulturen und der damit verbundenen zunehmenden globalen Vermischungsprozesse haben sich naturgemäß die extrovertierteren, aggressiveren Kulturen stärker durchgesetzt. Wir leben heute in einer nach außen gerichteten und wettkampforientierten Welt. Manchmal entsteht der Eindruck, als gäbe es einen gesellschaftlichen Konsens zum »zuerst tun und dann denken«. So sind beispielsweise in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Neueinführung bzw. Verbreitung von neuen Technologien mit noch unbekannten Auswirkungen die Vertreter von Vorsicht und Bedacht in der Minderheit.
Jerome Kagan fand heraus, dass der Teil des Gehirns, in dem das Warn-System sitzt, bei seinen »gehemmten« Kindern der aktivere war. Dieses System, das Aron das »Stopp und schau«-System nennt, ist demnach bei Hochsensiblen das ausgeprägtere, doch auch das Aktivierungssystem ist vorhanden. Wenn befragt, bezeichnen sich ca. 70 % der HSP als introvertiert. Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass die meisten extrovertierten Menschen auch gelegentlich introvertierte Phasen haben und ebenso introvertierte Menschen manchmal durchaus aus sich heraus gehen können. Somit sind diese Bezeichnungen als Trend zu verstehen und nicht als absolute Zuordnung.
zu Teil 2