Das kulturelle Ideal
Der typische hochsensible Mensch entspricht nicht dem gegenwärtigen kulturellen Idealtypus. Menschen, die dem kulturellen Ideal näher sind, haben größere soziale Attraktivität, das heißt, sie sind begehrtere Spielgefährten, Gesellschafter, oder Sexualpartner. Unsere Kultur verehrt den Sieger und Helden, was auf der alltäglichen Ebene heißt, dass schlagfertige, extrovertierte Menschen mit hoher Konfrontationsbereitschaft und der Fähigkeit, auch im öffentlichen Wettstreit gut abzuschneiden, in einer Gruppe auffällig mehr Zuwendung und positive Aufmerksamkeit erhalten als die typische HSP. Dies gilt für Kinder wie für Erwachsene, und für Buben und Männer etwas stärker als für Mädchen und Frauen, aber auch in rein weiblichen Zirkeln ist dieses Muster zu beobachten. Die typische hochsensible Person jedoch ist eher introvertiert und außerhalb eines kleinen Kreises vertrauter Menschen oft etwas unbeholfen.
Wir Mitteleuropäer neigen vielleicht dazu, dieses soziale Ideal als typisch menschlich anzusehen. Doch eine wissenschaftliche Studie, die von der Universität Waterloo in Ontario, Kanada und der Lehrer-Universität Shanghai in China gemeinsam durchgeführt worden ist, belehrt uns eines Besseren. In dieser von den psychologischen Fakultäten durchgeführten Studie wurde ermittelt, welche gemeinsamen Merkmale die beliebtesten Spielgefährten bzw. Klassenkameraden in verschiedenen Kindergartengruppen und Schulklassen aufwiesen. In Kanada, dessen Kultur ja nach wie vor von Menschen mitteleuropäischer Abstammung und Kultur dominiert wird, sind dies erwartungsgemäß Eigenschaften wie Mut, Redegewandtheit, soziale Initiative und körperliche Leistungsfähigkeit bei Spielen oder Sport. In China hingegen sind die begehrtesten Spielgefährten auffällig stille und in sich ruhende Kinder, die auch als "scheu" und "sensitiv" bezeichnet wurden. Somit ist klar, dass die besondere Wertschätzung von eher aggressivem, wettbewerbsorientiertem Verhalten keine urmenschliche, sondern eine kulturelle Eigenheit ist. Wir können uns gut vorstellen, dass beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen im Laufe der zunehmenden Verschmelzung der Menschheit die aggressiven Heldenkulturen die anderen dominierten und deshalb auch heute weltweit den Ton angeben.
Interessantes über die kulturelle Psyche und das Heldensyndrom zeigt uns ein Versuch von Avril Thorne, gegenwärtig an der University of California in Santa Cruz. 20 extrovertierte und ebenso viele introvertierte Studentinnen, die einander nicht kannten, wurden ausgewählt, und dann für eine halbe Stunde zu Gesprächspaaren zusammengefügt. Einmal wurden die introvertierten mit den introvertierten und die extrovertierten mit den extrovertierten zusammengeführt, und dann jeweils eine extrovertierte Person mit einer introvertierten. Die Teilnehmerinnen des Versuches waren über die Versuchsanordnung nicht informiert, und auch nicht über die unterschiedlichen Veranlagungen. Nach den Gesprächen wurden alle Versuchspersonen anonym befragt, welche Gesprächspartnerin sie als angenehmer erlebt hatten. Und interessanterweise hatte nicht nur der Großteil der introvertierten Studentinnen die introvertierte Gesprächspartnerin als angenehmer erlebt als die andere, sondern auch der Großteil der extrovertierten hatte das Gespräch mit der introvertierte Gesprächspartnerin mehr genossen.
zu Teil 2