Home|Produkte|Garantie|Extras|Offenheit|Buchhandel|Impressum|Bestellungen

Zart besaitet - Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen

von Georg Parlow

Zum InhaltsverzeichnisZum Bestellformular

Das kulturelle Ideal (Teil 2)

Daraus schließen wir, dass introvertierte Menschen zwar geringeres soziales Ansehen genießen, und dadurch in Gruppen weniger positive Zuwendung erhalten, andererseits jedoch in der tatsächlichen Interaktion dem Gesprächspartner häufig die angenehmere Erfahrung vermitteln. Die Gründe für das Ergebnis des Versuches sind nachvollziehbar: Introvertierte erleben einander als vergleichbar zurückhaltend und wenig fordernd, was schnell zu einem Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit führen kann. Extrovertierte wiederum erleben die Zurückhaltung und das Zuhören des introvertierten Gesprächspartners als angenehm, weil sie dadurch nicht mit dem Gesprächspartner in Wettstreit treten müssen, sondern die ersehnte Aufmerksamkeit kampffrei erhalten. Der Grund dafür, wieso diese so positiv erlebten Menschen in unserer mitteleuropäischen Kultur nichtsdestotrotz sozial wenig geschätzt werden, ist schwerer zu verstehen.

Wie sehr wir als Kinder in unserer sozialen Gruppe geschätzt wurden, hat selbstverständlich Auswirkungen auf die Entwicklung unseres Selbstwertgefühls. Auf der praktischen Ebene ergibt sich daraus der Unterschied, ob ein Kind bei den anderen als Spielgefährte begehrt ist, oder ob es immer wieder Ablehnung erfährt, wenn es mitspielen will. Ob die anderen Mitglieder der Gruppe darum wetteifern, Zeit mit einem bestimmten Kind verbringen zu können, oder ob das Kind ständig investieren muss, um eine gewisse Zugehörigkeit genießen zu können, hat Auswirkungen auf Welt- und Selbstbild. Jeder, der es als Kind erleben musste, wie man als Letzter überbleibt beim Wählen der Teammitglieder für ein Ballspiel, und dann vielleicht noch das demütigende Feilschen der Mannschaftskapitäne mitanhören musste, welcher von ihnen denn nun die Last dieses unfähigen Mitspielers auf sich nimmt, weiß, was gemeint ist. Auch die Erfahrung, beim Verstecken spielen nach einiger Zeit in einem besonders guten Versteck zu bemerken, dass die anderen inzwischen etwas anderes spielen und gar nicht bemerkt haben, dass ein Kind fehlt, ist denen vorbehalten, die weniger begehrte Spielgefährten sind.

© FESTLAND Verlag

vorige Seite zurück zum Inhaltsverzeichnis