Psychoemotionale Verletzungsgefahr
Ganz allgemein können wir sagen, dass hochsensible Menschen für psycho-emotionale Verletzungen merklich anfälliger sind als der Rest der Menschheit. Dies wird einleuchtend, wenn wir die innere "Dünnhäutigkeit" mit einer ebensolchen äußeren, körperlichen vergleichen. Ein Mensch mit einer dicken, widerstandsfähigen Haut wird viele der kleinen Unbilden des täglichen Lebens nicht oder kaum wahrnehmen - Äste, scharfe Kanten und raue Gegenstände kratzen seine Haut nur oberflächlich, spitze Steinchen am Boden werden vielleicht als angenehm massierend erlebt, während ein Mensch mit dünner, zarter Haut bei jedem Kratzer blutet und beim barfuss Gehen Schmerzen leidet. Weil aber die Zusammenhänge doch komplex sind, und jeder seine Empfindlichkeiten an anderer Stelle hat, wollen wir uns das in mehr Details ansehen.
Versuche der Psychologin Megan Gunnar an der Universität von Minnesota haben gezeigt, dass hochempfindliche Kleinkinder die ausgeprägte Tendenz zeigen, auf unbekannte Situationen zu reagieren, indem sie auf Dauerstressmodus schalten, was an den bedenklich erhöhten Cortisolwerten ersichtlich ist.
Doch die Forscherin gab sich damit nicht zufrieden, und startete weitere Experimente. Um mehr über die zugrundeliegenden Mechanismen zu erfahren, nahm sie eine Gruppe von Säuglingen, die auf Grund früherer Tests einwandfrei alle als hochsensibel erkannt worden waren, und teilte sie in zwei Gruppen. Die Kinder wurden von der Mutter getrennt und jeder Säugling bekam einen eigenen Babysitter zur Seite gestellt. Doch nur die Babysitter der einen Gruppe waren zur Aufmerksamkeit angehalten. Sie reagierten auf jedes Bedürfnis des Kindes und taten ihr Bestes um ihrem Schützling das Gefühl von Behütung und Sicherheit zu vermitteln. Die Babysitter der anderen Gruppe wurden instruiert, das Kind zwar nicht zu vernachlässigen, aber nur das Nötigste zu tun und nicht besonders aufmerksam zu sein. Sie saßen lesend in der Nähe und reagierten nur, wenn das Kind unmissverständlich nach etwas verlangte.
Nach nur ein einer halben Stunde dieser ungleichen Betreuung konfrontierte Gunnar jedes einzelne der neun Monate alten Kinder mit einer überraschend neuen Situation. Unabhängig davon, welcher Versuchsgruppe sie angehörten, reagierten fast alle Kinder zuerst einmal mit Zeichen von Angst und Aufregung, also mit Kurzzeit-Stress. Darüber hinaus wechselten fast alle Mitglieder der Gruppe mit den nachlässigen Betreuungspersonen anschließend mit der Ausschüttung von Cortisol in den Langzeit-Stress-Modus über. Die Kinder, welche vorher besonders aufmerksam betreut worden waren, gingen jedoch fast alle binnen Kürze wieder in den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit über, und zwar ohne dass die Babysitter in dieser Testsituation irgendwie eingegriffen hätten.
zu Teil 2