Psychoemotionale Verletzungsgefahr (Teil 2)
Wir können aus diesen Versuchen ersehen, welchen Unterschied die Qualität der Betreuung dafür macht, wie wir als kleine, hochempfindliche Kinder die Welt erleben und verarbeiten. Wer nicht das Privileg hatte, eine ausgeglichene und aufmerksame Betreuungsperson zur Seite zu haben, oder vielleicht sogar die betreuende Person selbst gelegentlich als bedrohlich erleben musste, hat vermutlich die Welt als Ganzes bedrohlicher erlebt, und war öfter im Zustand von Dauerstress. Eine aufmerksame Betreuungsperson ist eine Ressource für das Kind, die ihm die Sicherheit vermittelt, auch mit neuen Situationen fertig zu werden. Ohne diese Ressource neigen Kinder dazu, sich von neuen Situationen überfordert und bedroht zu fühlen.
In einer bedrohlicheren Welt wird die Seele leichter verletzt. Hochsensible Kinder brauchen somit tendenziell mehr Begleitung als andere, um sich psychisch und emotional gesund zu entwickeln. Während es in den ersten Lebensjahren dazu einer sicheren Verbundenheit mit einer Betreuungsperson bedarf, kann diese Rolle etwas später zu großen Teilen von Geschwistern oder anderen Menschen, die verlässlich präsent sind und zu denen eine Vertrauensbeziehung besteht, übernommen werden.
Parallel dazu müssen wir uns als nächsten Punkt vor Augen halten, dass kleine Kinder an sich schon viel mehr von den Stimmungen und Emotionen der Erwachsenen wahrnehmen als uns oft lieb ist, und bei hochsensiblen Kindern ist dieser Zug noch stärker ausgeprägt. Somit sind die emotionalen Zustände der Erwachsenen ein mehr oder weniger offenes Buch für sie. Das heißt, sie nehmen auch jene Gefühle ihrer Betreuungspersonen (in der Regel die Eltern) wahr, welche diese selbst gar nicht gutheißen und lieber verbergen, manchmal sogar vor sich selbst. Sobald sie etwas älter sind, nehmen diese Kinder unter Umständen auch Dinge wahr, die sie nicht direkt betreffen, welche aber die Erwachsenen voreinander zu verheimlichen trachten. Solche unbeabsichtigten Mitwisserschaften können sowohl Loyalitätskonflikte als auch Gefühle von Bedrohung verursachen.
zu Teil 3